Hartmut Nicklau, Fachbereichsleiter Suchtberatung im Diakonieverband. Foto: pr
12. Juli 2012
Das Thema findet in der Öffentlichkeit nicht statt. Rund 400 000 Senioren in Deutschland, so meldeten es vor Kurzem die ARD Tagesthemen, sind alkoholabhängig. Die Betroffenen schweigen und schämen sich zumeist. Doch es gibt Hilfe. Wir haben beim Fachbereichsleiter für Suchtberatungen Reutlingen Tübingen im Diakonieverband, Hartmut Nicklau, nachgefragt.
Hallo Herr Nicklau, wie kommt es, dass Menschen im Alter alkoholabhängig werden?
Hartmut Nicklau: Der Großteil der suchtkranken älteren Menschen schleppt ihre Suchtkrankheit mit ins Alter, das heißt, es bestand bei vielen bereits ein äußerst riskantes Trinkverhalten, das dann, meistens mit dem Eintritt in den Ruhestand durch bestimmte Lebensumstände und Gefühlslagen in ein abhängiges Trinkverhalten übergegangen ist. Das heißt, es gibt altgewordene Alkoholabhängige, die ihren Konsum im Alter nicht reduzieren. Es gibt aber auch trockene Alkoholkranke, die im Alter rückfällig werden, oder Menschen, die als Reaktion auf alterstypische Belastungen wie Statusverlust, Abbröckeln sozialer Beziehung, Verlust des Partners oder Alleinsein, um mal einige Punkte zu nennen, zu trinken beginnen.
Was macht eine Alkoholsucht bei älteren Menschen besonders problematisch?
Nicklau: Der suchtkranke ältere Mensch zieht sich häufig völlig zurück, ernährt sich nicht mehr ausreichend, zeigt mangelnde Hygiene bis hin zur Verwahrlosung und verstärkte Schuld und Schamgefühle. Weitere körperliche Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck aber auch Depressivität kommen hinzu.
Das soziale Umfeld und die Familie, verhält sich oftmals auch aus Schuldgefühlen heraus »Co-mäßig«, das heißt, sie wollen das Problem lange nicht wahrhaben, verdrängen es, schützen den Alkoholkranken vielleicht aus Mitleid und verlängern somit die Krankheit und das frühzeitige Einsetzen von Hilfsangeboten.
Welche Auswirkungen hat die Sucht auf das Leben eines Betroffenen?
Nicklau: Zunehmende soziale Isolation, geringere Mobilität und somatische Multimorbidität. Außer der Suchtkrankheit hat der Betroffene oftmals körperliche Beschwerden wie Gangunsicherheit und auch geistige Einschränkungen wie Vergesslichkeit.
Welche Wege gibt es aus dieser Lage, also wo können Betroffene Hilfe bekommen?
Nicklau: Meistens sind es die Angehörigen, die bei uns um Hilfe bitten. Sie kommen zu uns und können in Einzelgesprächen mit unseren Beratern und Beraterinnen für sich Lösungen erarbeiten und wenn gewünscht unsere Angehörigengruppe wöchentlich besuchen. Wenn der Betroffene von sich aus nicht zu uns kommt oder kommen kann, haben wir einen aufsuchenden Dienst, der, das Einverständnis des Betroffenen vorausgesetzt, bei ihm einen Hausbesuch durchführt. Ältere suchtkranke Menschen können ebenso wie jüngere die ambulanten und stationären Hilfsangebote wahrnehmen und auch in Rehabilitationseinrichtung oder Fachkrankenhäuser vermittelt werden, die ein spezifisches Therapieangebot für ältere Suchtkranke bereithalten. Meine älteste Klientin war in stationärer Therapie, ist 82 Jahre alt und lebt inzwischen mit weiterer Unterstützung durch die Selbsthilfegruppe abstinent.
Wie erkennen Angehörige, dass etwas nicht stimmt?
Nicklau: Angehörige nehmen häufig ein starkes Desinteresse des Betroffenen am sozialen Leben wahr. Gewichtsverlust und Mangelernährung sowie Stimmungsschwankungen, ständige Gereiztheit und Starrsinn treten auf. Tagsüber wirkt der Betroffene meist apathisch und schläfrig. Es besteht wenig Bereitschaft zur Veränderung, etwas zu unternehmen oder gar Hilfsangebote anzunehmen. Häufig kommt es auch zu Stürzen in der Wohnung und Klinikaufenthalten.
Was können sie tun?
Nicklau: Betroffene und Angehörige können Kontakt mit unserer Beratungsstelle und den weiteren Angeboten im Suchthilfenetzwerk Reutlingen aufnehmen. Wir bieten Einzel- und Gruppengespräche in unserer Beratungsstelle an und persönliche Kontaktaufnahme in Form von Hausbesuchen, wo gewünscht, und vermitteln in weiterführende Hilfsangebote.