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Schimpfeck


12. Juli 2012
 

Cholesterin-Märchen. Die »TÜpisch«-Kolumne »Cholesterin oder Der eingebildete Kranke« hat schon vor einem Jahr eine Reihe von Anfragen und Zuschriften ausgelöst. So ist das auch jetzt wieder mit den »Schimpfeck«-Sätzen zum »Tag des Cholesterins« in der vorletzten Ausgabe. Im Internet behauptet etwa ein Reutlinger Arzt zu diesem Thema, der Autor habe »eklatante Falschaussagen« »mit Falschargumentationen« und »nachweislich falschen Fakten« gemacht. Er nennt aber keine einzige. Seiner Aufforderung, die Quellen zu nennen, worum auch viele Leser bitten, kann gerne nachgekommen werden. Mit keinem Wort geht der ärztliche Kritiker auf die im Artikel konkret genannten, nur noch in der Häufigkeit und Heftigkeit umstrittenen gefährlichen Nebenwirkungen der Cholesterinsenker (Statine) ein: Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Depressionen, Lähmungen, Taubheit, epileptische Anfälle, erhöhte Schlaganfall-Mortalität, Leber- und Nierenschäden, Impotenz und andere Hormonstörungen, Grauer Star, um nur einige zu nennen. Es gab sogar tödliche Nebenwirkungen, wie Myolyse (Muskelzersetzung) und Nierenversagen, nach denen Bayers Cholesterinsenker Lipobay (ein mit den heutigen Präparaten funktions-identisches Statin von damals 1,3 Mio Mark Jahresumsatz) im Jahr 2001 weltweit vom Markt genommen werden musste.

Quellen. Ein großer Teil dieser gefährlichen Nebenwirkungen wurde in der am 20. Mai 2010 im British Medical Journal veröffentlichten Studie der University of Nottingham (Leitung Prof. Julia Hippisley-Cox) mit mehr als zwei Millionen Probanden belegt und teilweise auch öffentlich aufgegriffen, ganz ohne sich um die – hochbrisante – Frage des therapeutischen Nutzens dieser Cholesterinsenker zu kümmern. Für Fachleute ist eine höchst aufschlussreiche Quelle die Untersuchung des halbstaatlichen »Gemeinsamen Bundesausschusses« (GBA), der als durchaus noch Statin-aufgeschlossen gilt. Es geht da um die Richtlinien für ein Medikament namens Crestor ( Rosuvastatin), dessen Patentschutz – entgegen der Behauptung von Dr. Liebert – erst 2016 ausläuft. Es ist unter der Adresse http://www.g-ba.de/downloads/40-268-1047/2009-10-15-AMR-IX-Reduktasehemmer_ZD2.pdf im Internet abrufbar. Der amerikanische Pharmakonzern Pfizer klagte übrigens vergeblich bis 2010 durch alle Instanzen vor deutschen Gerichten gegen die Budgetierung (»Festbetragsgruppen«), also die Kostendeckelung seines meistverkauften Cholesterinsenkers »Sortis« in der Kassenabrechnung. Eine gute Information samt sauber belegten Quellen sind die Wikipedia-Artikel über »Statin« und über »Cholesterin«. Aber da sollte man besonders gründlich auch den Abschnitt 6.5. über Kritik lesen. Bei den Buch-Standardwerken der Kritiker sind zumindest die Quellenangaben hilfreich: Der dänisch-schwedische Mediziner Uffe Ravnskor hat auf Deutsch mit dem (zur Zuspitzung neigenden) deutschen Lebensmittelchemiker Udo Pollmer die aktualisierte Fassung seines Buchs »Mythos Cholesterin« von 2003 veröffentlicht. Der renommierte Gefäß-Chirurg Prof. Dr. Walter Hartenbach von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität schrieb im Alter von 88 Jahren sein Buch »Die Cholesterin-Lüge«. Auch die Neuauflagen enthalten immer noch die wichtigsten Grundlagen zu Cholesterin und sehr gut belegte Thesen über den Cholesterinspiegel und seine Senkung durch Statine. Der alte Herr, Doktorvater von Mildred Scheel, hat sich seinen Gegnern allerdings durch doch ziemlich fahrlässige Verharmlosung des Rauchens und obskure Ohrform-Analysen angreifbar gemacht.

Fragen Sie Ihren Arzt! Patienten können und sollen ihre Ärzte (oder Apotheker) fragen. Sie können auch deren Kompetenz testen. Zum Beispiel mit ganz unverfänglichen Fragen, warum so eine unbestritten extrem lebenswichtige Substanz wie Cholesterin ab einem völlig willkürlich festgelegten – »Referenzwert« schädlich sein soll und welchen Nutzen und Therapieerfolg ihnen die Verschreibung persönlich bringt. Nach einer geradezu konspirativen Herabsetzung waren seinerzeit plötzlich Millionen beschwerdefreie Amerikaner »krank« und galten als behandlungsbedürftig. Es bleibt die Frage, warum an sich gesunde Menschen präventiv harte, massiv in zentrale Stoffwechselprozesse eingreifende Medikamente schlucken sollen, obwohl sie keinerlei Beschwerden haben. Mit der Frage, ob überhaupt, wo und wie genau Cholesterinsenker (Statine, CSE- oder HMG-CoA-Reduktase-Hemmer) wirken; was es mit »gutem« und »bösem« Cholesterin auf sich hat – wo es doch streng wissenschaftlich nur eine einzige Substanz dieses Namens gibt. Sie können und sollen ihre Ärzte nach den konkreten Nebenwirkungen dieser Statine fragen – und sich selbst und ihre Mitmenschen nach ihren Beobachtungen. Patienten können ihren Arzt fragen, ob er das Medikament auch einer Schwangeren mit »signifikant« erhöhtem Cholesterinspiegel – ganz egal, ob Gesamt, HDL oder LDL – verschreiben würde. Und sie können ihren Arzt fragen, ob er jemals an sogenannten Anwendungs-Studien der Pharmafirmen, besonders der Statin-Hersteller teilgenommen hat. Wer behauptet, Cholesterinsenker seien »völlig unbestritten« wirksam, sie seien nachgewiesen uneingeschränkt nützlich und völlig unbedenklich, der hat sich nicht genügend mit neuesten Erkenntnissen aus der Forschung auseinandergesetzt.

Hebammen. Bundeskanzlerin Angela Merkel soll sich nach einer Petition persönlich dafür eingesetzt haben: Jetzt haben die Krankenkassen zugesagt, die dramatisch angestiegenen Versicherungsbeiträge zu übernehmen, wegen denen sich viele freiberufliche Geburtshelferinnen gezwungen sahen, ihren Beruf aufzugeben. Zahllose dankbare Mütter und Väter gönnen den Hebammen diesen kleinen Erfolg. Erbärmlich schlecht honoriert werden sie immer noch. –mab
 
 

-mab

12.07.2012 - aktualisiert: 12.07.2012 09:02 Uhr

 

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