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Der zugeparkte Marktplatz

Parken auf dem Marktplatz: Flashmob in Tübingen.
Foto: Bernklau

14. Juni 2012
 

Ein Bild ist das schon: Der Marktplatz, Tübingens gute Stube, einfach mal zugeparkt.
Ein »Flashmob« macht’s möglich. Aber mit Ironie und Satire ist das so eine Sache, eine heikle Sache.
 

Zu der Aktion verabredeten sich am Montagabend Mitglieder des ZAK (früher Zentralamerika-Komitee) und ein paar andere Unterstützer der Initiativen für einen Nulltarif beim TüBus.

Sie stellten ein gutes Dutzend Fahrzeuge (teils Teil-Autos) auf dem Marktplatz ab und skandierten Parolen wie »Freies Parken ist Menschenrecht!« , »Stützt unsere Händler!« oder »Freies Parken für freie Kunden!«
Die Unterstützung für die Innenstadt-Händler war freilich nur vorgetäuscht.

In Wahrheit wollten die Aktivisten die Forderungen vieler Geschäftsinhaber verspotten, die mit gelben Plakaten eine Senkung von Parkgebühren verlangen und mit Oberbürgermeister Boris Palmer gerade in einer Debatte um die Geschäftsbedingungen in der Altstadt stehen. Nicht alle Passanten verstanden das. Manche nahmen den Flashmob für bare Münze, andere regten sich auf.

Nun ist aber ganz offensichtlich, dass niemand, auch der Handel nicht, im Ernst eine Reaktivierung des Marktplatzes als Parkplatz fordern könnte. Insofern war die Aktion ein ganz gelungener Hinweis darauf, was die Fußgängerzone in der Altstadt an Lebensqualität und auch an Einkaufsqualität gebracht hat.

Allerdings ist aus der Händler-Initiative schon der Wunsch herauszulesen, gerade der zahlungskräftigeren Kundschaft den automobilen Zugang zur Altstadt doch ein wenig zu erleichtern. Mit dem SUV zum Shoppen und zum Einladen vor die Ladentür - das darf aber nun auch wieder nicht wahr sein und wahr werden.

Die Altstadt muss eine vielleicht sogar noch viel strenger den Fußgängern vorbehaltene Zone bleiben. Das ist bei einer Ausdehnung von vielleicht 400 Metern in beide Richtungen und bei den bekanntermaßen engen Gassen auch zumutbar.

Die Klagen von Passanten, Flaneuren und fußläufiger Kundschaft über einen zunehmenden Lieferverkehr sozusagen rund um die Uhr, über zunehmende Ausnahmegenehmigungen häufen sich und sind berechtigt.

Selbstverständlich müssen Marktbeschicker am frühen Morgen mit ihren Transportern in die gute Stube fahren dürfen. Selbstverständlich muss Lieferverkehr möglich sein, vielleicht aber nur noch zu einer streng begrenzten Stunde. Selbstverständlich müssen Ärzte, Krankenwagen, Polizei und Feuerwehr Ausnahmerechte haben.

Bei Taxis wird das schon etwas fragwürdiger. Und ob jeder Paketdienst und so mancher Handwerker sich da zu jeder Zeit durch die Fußgänger-Scharen schleichen und schlängeln dürfen soll, ist eher zu bezweifeln.

Das Problem des Parkens betrifft freilich eher die Gebiete rund um die kleine und kompakte Altstadt, betrifft die Gebühren der Parkhäuser und die flächendeckende Parkraumbewirtschaftung, die unverhohlen auf Stadtkassenerträge und für manche Bürger generell auf Zurückdrängung des Autoverkehrs aus ist.

Eine gewisse autofeindliche Atmosphäre auch durch die scharfen Kontrollen ist keine Einbildung unverbesserlicher Autofans. Viele, viele auswärtige Besucher können das bestätigen – nicht selten mit fassungslosem Kopfschütteln und heftiger Verärgerung über die Hindernisse beim Verwandtenbesuch.

Wohl und Wehe des Altstadthandels hängt freilich keineswegs nur an der Parkfrage. Ob und wie da zu wessen Gunsten gesteuert werden kann, das ist ein weites Feld und eine heikle Geschichte. Nicht wenige beklagen sich, dass die Struktur des Innenstadthandels eine klare Tendenz zu hochpreisigen Shopping-Angeboten habe und eine gesunde Mischung auch für den alltäglichen Bedarf von alltäglichen Menschen immer mehr touristischen Angeboten oder Trend-Shops weiche.

Da ist schon was dran. Natürlich gehören Buchhandlungen und Studentenkneipen zur Altstadt, auch Dritte-Welt-Läden und Teehäuser Aber schon die vielen Antiquitätenläden in der Haaggasse, die Menge an Optikern, Handyshops und anderen Ketten zeigt nicht unbedingt eine allseits erwünschte Struktur.

Selbstverständlich könnte es ein berechtigtes Interesse sein, die Altstadt zu einem hochpreisigen Shopping-Paradies und einer Souvenir-Puppenstube für Touristen zu machen. So etwas darf sogar offensiv vertreten werden. Aber letztlich ist es doch so etwas wie die gesamte Bürgerschaft, die Einfluss darauf nehmen sollte, wie das historische Herz ihrer Stadt beschaffen sein soll.

Das ist ein schwieriger Prozess, die nie abgeschlossen sein wird. Erst recht nicht zu aller Zufriedenheit. Wir sind gespannt, was der Dialog der protestierenden Händler mit der Stadtspitze für Ideen und Ergebnisse zeitigt.
 
 

14.06.2012 - aktualisiert: 14.06.2012 09:18 Uhr

 

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