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Der Untergang Tübingens

Das Bild zeigt die freigelegte Torwange des Troia VI-Verteidigungsgrabens bei den Grabungen 2009.
Foto: Gebhard Bieg, Universität Tübingen

31. Mai 2012
 

Wenn man das mal besonders wichtigtuerisch, knallig und spektakulär ausdrücken will: In Tübingen ging vergangene Woche eine welthistorische Epoche zu Ende und eine neue weltgeschichtliche Epoche wurde dem Publikum verkündet. Ha!
 

Die eine, traurige Nachricht ist: Tübingens weltweit führende Rolle bei den Ausgrabungen rund um den Menschheits-Mythos Troja fand nach fast einem Vierteljahrhundert ihr leises Ende. Prof. Ernst Pernicka gibt zum Jahresende die Tübinger Grabungsleitung ab und verzichtet auf eine Verlängerung der Lizenz des türkischen Staates für die Erforschung des Weltkulturerbes auf dem Hügel Hisarlik unweit der Dardanellen-Meerenge.

Zwölf Jahre nachdem »Troia - Traum und Wirklichkeit« mit der weltweit beachteten Stuttgarter Ausstellung und auch der spektakulären Wissenschaftler-Kontroverse Korfmann-Kolb noch einmal für riesiges Aufsehen sorgte, sagt der aus Wien stammende Korfmann-Nachfolger leise Servus. Der Traum ist aus, das Geld versiegt, die Reputation ein wenig zerbröselt.

Der Kampf um Troja, von Homer in der Ilias geschildert, ist der Gründungsmythos des griechisch-römischen Abendlandes. Die Geschichten um Götter und Helden, Schlachten und Schätze, schöne Frauen und starke Männer, um Freund und Feind, Liebe und List (das hölzerne Pferd des Odysseus) war den antiken Jahrhunderten und den Menschen bis weit in die Neuzeit geläufig wie allenfalls noch die Bibel.
Der Gomaringer Pfarrer-Dichter Gustav Schwab hat sie (»Sagen des klassischen Altertums«) in der Romantik noch einmal gerade für Jugendliche als Nacherzählung populär gemacht.

Und Heinrich Schliemann, Kaufmann, Sprachgenie, Abenteurer und Laie, sattelte mit seinen Ausgrabungen noch einmal einen ganzen neuzeitlichen Mythos drauf. Homer hatte recht, lautete seine Devise, mit der er Troja und seine Schätze gegen alle Fachleute fand und (wenn auch die falsche der mindestens zehn Siedlungsschichten) 1873 als den Ort des homerischen Geschehens identifizierte. Ein Traum.

Dieser Traum war es wohl auch, den - gemeinsamen mit Generationen von Bildungsbürgern - der Tübinger Professor Manfred Korfmann in seiner Grabungsarbeit weiterträumen wollte. Seiner ansteckenden Begeisterung gesellte sich eine mitreißende Marketing-Begabung hinzu. Mit der Freilegung einer ausgedehnten Unterstadt wollte der Archäologe belegen, dass Troja eine bedeutende antike Handelsmetropole gewesen sein musste, eine Weltmacht der Antike sozusagen, um die sehr wohl eine Art bronzezeitlicher Weltkrieg wie der von Homer geschilderte toben durfte.

Rein wissenschaftlich aber stand diese so wunderschön-romantische These auf eher tönernen Füßen. Und ausgerechnet sein Tübinger Kollege, der Althistoriker Frank Kolb, stieß den archäologischen Medien-Star mit rüde vorgetragenen Vorwürfen bis hin zur wissenschaftlichen Hochstapelei allmählich vom Thron. Für Kolb war das Troja Schliemanns und Korfmanns in den Schichten des Hügels Hisarlik kaum mehr als ein besseres befestigtes Burgdorf mit Marktflecken.

Es entspann sich ab 2001 unter hoher Beteiligung der Fachwelt und den gespannten Blicken des Publikums die »Tübinger Troja-Debatte«. Als sich der akademische Schlachtenstaub allmählich gelegt hatte, konnte wohl der nüchterne ent-mythologisierende Frank Kolb auf weit mehr Anhänger zählen. Und die Gewichte verschoben sich im Laufe der Jahre weiter zu seinen Gunsten.

Manfred Korfmann, der auch wegen der großzügigen (und patriotischen) Unterstützung durch den Staat die türkische Staatsbürgerschaft und den Zusatznamen Osman angenommen hatte, starb 2005 mit 63 Jahren in Ofterdingen, vielleicht enttäuscht, vielleicht verbittert. Der gelernte Chemiker Pernicka trat seine Nachfolge an. Mit den Anhängern der etwas hochfliegenden Korfmann-Träume schwanden der Grabung aber auch allmählich die privaten Sponsoren (etwa Daimler) und die wissenschaftlichen Geldgeber wie 2009 die potente Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Der Tübinger Troia-Traum ist ausgeträumt. Die Welt schreibt Troia wieder Troja.
Ein Tübinger Alleinstellungsmerkmal ist weg. Ein Amerikaner wird den Spaten übernehmen.
Ein kleiner Trost bleibt der Stadt und ihrer Universität nach dem ruhmlosen Troja-Untergang. Die von Tübinger Urgeschichtlern entdeckten oder wieder zusammengesetzten Steinzeit-Figürchen: Pferdchen, Venus vom Hohlen Fels oder Flöte. Der Hüter der alten und Entdecker weiterer Urzeit-Schätze Prof. Nicholas Conard hat eine ähnlich PR-Begabung wie einst Manfred Korfmann, lässt aber wissenschaftlich wohl etwas mehr Vorsicht und Zurückhaltung walten.

Jetzt wurden die bisher auf 35 000 Jahre geschätzten ältesten Kunstwerke der Menschheit mit Unterstützung des Oxford-Professors Thomas Higham noch einmal vordatiert. Schon vor 42- bis 43 000 Jahren sollen die kunstsinnigen Vorfahren die Schwäbische Alb vom Schwarzen Meer her über die Donau besiedelt und das sogenannte Aurignacien vor allem dort zu ersten kulturellen Blüten entwickelt haben.
Vielleicht keine Auferstehung nach dem Untergang von Tübingens Troia - aber eine kleine welthistorische Entschädigung...
 
 

31.05.2012 - aktualisiert: 31.05.2012 09:33 Uhr

 

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