10. Mai 2012
Normalerweise muss man sich als Tübinger nicht so arg fremdschämen, wenn der eigene Oberbürgermeister durch die Medien geistert. Der kann das und macht das meist auch ganz gut.
Jetzt aber war Boris Palmer im Regionalfernsehen mal mit einem Piraten aus Nordrhein-Westfalen konfrontiert und machte gegen diesen ruhigen, fast spießig langweiligen Neu-Politiker eine derart hilflose Figur, wie man sie seit seiner Stuttgart 21-Niederlage nicht mehr gesehen hat.
Die Piraten haben kein Programm und keine Meinung, heißt es. Und sollten ihre Vorleute mal eine äußern, werden die von einem »Shitstorm« im Netz ruckzuck zurückgepustet. Sie machen keine Koalitions-Aussagen und wollen keine Ämter. Sie wollen keine andere Politik in der Sache (oder den Sachen) wie Finanzkrise, Afghanistan-Krieg oder Energiewende. Das Netz soll frei und unreguliert bleiben, das ist der unumstrittene Kern ihres Programms.
Aber sie wollen nicht mehr und nicht weniger als eine andere Form von Politik.
Das Netz hat seine eigenen Gesetze. Es hat die Welt und das Leben der Menschen viel tiefgreifender verändert als das den meisten Menschen bislang ins Bewusstsein gerückt ist. Boris Palmer gehört wohl auch dazu. Der blickt das nicht.
Der hat sich mit der Rettung der Welt durchs Tübinger Klima-Vorbild, mit Machtfragen und schwarz-grünen Machtperspektiven und seinem gesunden privaten Weltenretter-Ehrgeiz derart solide im überkommenen System eingerichtet, dass es ihm nur noch den Kopf schüttelt, wenn er mit solchen biederen Gestalten wie dem nordrhein-westfälischen Piraten-Vorsitzenden Michele Marsching konfrontiert wird.
Der Reflex ist bestechend. Wie die Etablierten, gegen die langhaarige friedensbewegte grüne Kaktus-Politiker einstmals unerbittlich gestichelt haben, zeigt sich der Remstal-Rebellen-Sohn jetzt als besserwissender Spießer. Politikunfähig seien die Piraten , lächerlich und illusorisch ihr Versuch, »die Demokratie ins Internet zu verlagern«.
Mit diesen Prinzipien einer »liquid democracy«, einer flüssigen Herrschaft, könne man nicht investieren, nicht planen, nicht einmal eine Familie gründen. So spricht ein Stadtvater und ein Familienvater alter Schule. Schon merkwürdig, wie schnell Menschen altern.
Die Piraten sind wohl mehr als ein kurzatmiger Protest, auch wenn diese zusehends stabilen Wählerprozente sich auch aus mancher Politikverdrossenheit speisen mögen. Sie stellen ganz unaufgeregt die Grundlagen dieser repräsentativen Demokratie infrage.
Das hat Boris Palmer noch nicht begriffen, der sich gerade so gemütlich eingerichtet hat in den überkommenen Institutionen und der Mediendemokratie mit seinem Plan, von Tübingen aus die Welt und ihr Klima zu
retten. Auch er wird da lernen müssen. Denn die Piraten kommen.
Subjektiv und Polemisch. Nicht mehr und nicht weniger...
Was ist denn das für eine Berichterstattung?