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»Wer Freiheit sucht, wird hier fündig«

Lockere Stimmung, fröhliche Gesichter: Tübingens OB Boris Palmer (rechts) und Hochschulrektor Bernd Engler (links) plaudern mit Bundespräsident Joachim Gauck.
Foto: Reisner

26. April 2012
 

Im Tübinger Stift endete mit einem Bürgerempfang der Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck im Musterländle, der sich hier »pudelwohl« fühlte. Der historische Ort verkörpere perfekt die Ideale des Staatsoberhaupts, wie Winfried Kretschmann sagte.
 

Große Namen wurden hier ausgebildet, große Ideen daraufhin geboren: Friedrich Hölderlin, Friedrich Joseph Wilhelm Schelling oder Georg Wilhem Friedrich Hegel büffelten im Evangelischen Stift in der Neckarstadt. »Hier wurden die Grundlagen des deutschen Idealismus gelegt – eines idealen Freiheitsbegriffs«, sagte Kretschmann vor den geladenen Gästen beim Bürgerempfang.

Bei diesen Worten des baden-württembergischen Landesvaters fühlte sich Joachim Gauck sichtlich noch ein bisschen wohler als die Stunden zuvor bei seinem Besuch und ein Lächeln flog über seine Lippen. Als echten Wohlfühltag hatte der 72-Jährige seinen Aufenthalt beschrieben und begründete seine Entscheidung, dem Südwesten als Erstes seine Aufwartung nach der Wahl zu machen, etwas genauer als nur mit der 60-Jahr-Feier des Landes.

Es sei vielleicht im ersten Blick etwas verwunderlich, sagte Gauck, warum er als Norddeutscher (»und ich bin sehr norddeutsch«) als Erstes in den Südwesten reise. »Ich bin hergekommen, um ihnen meine hohe Wertschätzung auszudrücken für den Geist der hier herrscht«, so der Rostocker. Ob wirtschafltlich, kulturell oder wissenschaflich: Das Land imponiere mit seiner Stärke, aber auch, und das ist vor allem Gaucks Thema, mit seinen revolutionären Bestrebungen der Geschichte. Die Bürgerkultur, die sich auch im Ehrenamt (Die Hälfte der Einwohner Baden-Württembergs sind darin engagiert) beeindruckt den Bundespräsident. »Das Land, das heute so prachtvoll sich zeigt ist das Werk von Ihnen allen«, lobte Gauck und ermunterte, weiter selbstbewusst und kritisch die Entscheidungen der Amtsträger zu verfolgen. »Die Obrigkeit ist nicht immer so nett wie der Ministerpräsident hier hinter mir«, scherzte das gut aufgelegte Staatsoberhaupt und sorgte damit für einen von vielen Lachern.

Es war ein Tag der Freude, den der Theologe erlebte. In der Geschwister-Scholl-Schule hatten ihn die Schüler wie einen Popstar empfangen und wollten von ihm wissen, wie er seine Schulzeit erlebt habe. Es sei ihm irgendwie gelungen, das Abi zu machen. Niemand hätte ihm damals prophezeit, dass er ein solches Amt einmal inne haben werde. Die Begegnung mit den Schülern hatte ihn beeindruckt. Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt fasste er dieses Erlebnis so zusammen. »So viel Herzlichkeit auf einmal könnte ausreichen für ein ganzes Jahr.« Gut leserlich setzte Gauck seinen Namen in das Buch, das im geschichtsträchtigen Öhrn des altehrwürdinge Rathauses für ihn auslag. Nicht zum ersten Mal.

Als Beauftragter für die Stasiunterlagenbehörde hatte er schon einmal Tübingen besucht. »Ein gewisser Herr Gauck hat hier schon unterschrieben«, scherzte Tübingen Oberbürgermeister Boris Palmer. Doch bevor der Bundespräsident den Füller schwang, erfuhr der Staatsmann, der den Freiheitsbegriff so hoch hält, erstaunliches über die Geschichte Tübingens und Württembergs.
»Wer Freiheit sucht, wird in Tübingen fündig«, sagte Palmer nicht ohne Stolz.
Gaucks Thema Freiheit wurde in Deutschland zuerst in dieser Stadt niedergeschrieben, sagte der OB und überreichte dem Staatsoberhaupt sowie Ministerpräsident Winfried Kretschmann ein besonderes Geschenk: Eine Faksimilie des Tübinger Vertrages. Dieses Abkommen zwischen Herzog Ulrich von Württemberg und der bürgerlichen Oberschicht ist das wichtigste Verfassungsdokument Alt-Württembergs.

Der Tübinger Vertrag ist die älteste Verfassung auf deutschem Boden. Nirgends sonst gab es vor 500 Jahren so weitgehende Grundrechte, die selbst für Leibeigene galten. »Der Vertrag dokumentiert eindrucksvoll das frühe Freiheitsbestreben der Württemberger«, so Palmer. Und wieder lächelte Gauck, der sich einmal mehr pudelwohl im Ländle fühlte.

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Dieter Reisner

26.04.2012 - aktualisiert: 26.04.2012 10:28 Uhr

 






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