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Ungeliebte Weihnachtsgeschenke

Felix Wagner, Leiter des
Tübinger Tierheims.
Foto: pr

26. Januar 2012
 

Jedes Jahr an Weihnachten werden unzählige Tiere trotz aller Warnungen verschenkt. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden oder die Beschenkten merken, dass die Tiere der Pflege und Fürsorge brauchen, werden manche wieder ausgesetzt. Oft landen die Kreaturen dann in Tierheimen. Wir haben beim Tübinger Tierheim nachgefragt, wie es in diesem Jahr aussieht. Tierheimleiter Felix Wagner stand uns Rede und Antwort.
 

Herr Wagner, wie viele Tiere mussten sie in den vergangenen Tagen als sogenannte Geschenke aufnehmen?
Felix Wagner: Wir haben seit dem 28. Dezember 2011 eine Albino-Maus und eine 40 Zentimeter große Korn-Natter als Fund-Tiere bekommen, die mit großer Sicherheit ausgesetzt wurden. Beide kommen als ehemalige Weihnachtsgeschenke infrage, insbesondere weil sie eher jung sind und bei manchen Menschen noch immer als »Ekel-Tiere« gelten. Es könnte durchaus sein, dass es einem Familienangehörigen nach den Festtagen zuviel wurde und er oder sie das Tier widerrechtlich entsorgt hat. Außerdem haben wir vor und nach Weihnachten eine größere Anzahl an Abgaben vor allem im Kleintierbereich erhalten, die meisten wegen Änderungen in der Familie oder Umzug, was nicht ungewöhnlich und, nach unserer Erfahrung, auch glaubhaft ist. Wir erhielten somit bisher noch keine eindeutigen Weihnachtsgeschenke.
Da die meist jugendlichen Beschenkten jedoch erst nach einiger Zeit das Interesse verlieren und außerdem noch eine gewisse Schamfrist verstreicht, ehe Eltern und Kinder bereit sind, sich ihr Versagen einzugestehen, rechnen wir noch bis Ostern mit der Abgabe von »Fehlgeschenken« tierischer Art.

Welchen Grund geben die Leute bei der Abgabe an?
Felix Wagner: Die meisten Abgabetiere kommen wegen Allergien, Umzug, Trennung, fehlendem Interesse oder als ungewollter Nachwuchs. Bei Hunden kommt auch Überforderung oder Zeitmangel häufiger vor. In letzter Zeit kommen aber auch öfter Leute ins Tierheim, die ganz konkret unerwünschte Geschenke oder Fehlkäufe als Abgabegrund angeben. Mir ist Ehrlichkeit am liebsten, denn das macht es für uns einfacher, bei der Weitervermittlung der Tiere, den neuen Besitzern nützliche Begleitinformationen zu geben, statt Schutzbehauptungen weiterzutragen, die die echten Probleme des Tieres im Unklaren lassen.

Versuchen Sie die Leute noch umzustimmen oder akzeptieren sie die Entscheidung der Abgabe sofort?
Felix Wagner: Wir fragen nach, um die Gründe für die Abgabe der Tiere zu erfahren. Wenn wir den Eindruck haben, dass die Leute noch nicht ganz aufgegeben haben, bieten wir Hilfe und Unterstützung an. Aber die meisten haben mit dem Thema schon abgeschlossen oder haben gute Gründe. Wenn wir an diesem Punkt des Gesprächs angekommen sind, ist es sinnlos, ja gefährlich für das Tier, darauf zu drängen, es noch einmal zu versuchen.

Welche Tierarten sind es denn vor allem, die zu Ihnen gebracht werden?
Felix Wagner: Um Weihnachten dieses Jahr waren die meisten Tiere, die wir bekommen haben, Kaninchen. Darunter waren alleine zwei ungewollte 6er Würfe, mithin wohl kaum Geschenke! Übers Jahr verteilt sind unser größter Eingangs-Posten die Katzen, allerdings zu mehr als 70 Prozent Fundtiere, darunter viele frei geborene. Hunde sind Gott sei Dank als Weihnachtsgeschenke eher unüblich, allerdings bekommen wir übers ganze Jahr verteilt halb- und ganzjährige Jungtiere, die Herrchen und Frauchen als Welpen angeschafft haben, um sie selbst erziehen zu können – ohne zu bedenken, dass sie das vielleicht erst mal selber lernen sollten oder sich professionelle Hilfe holen sollten.

Warum handeln die Menschen nach wie vor so verantwortungslos. Die Medien sind doch vor Weihnachten immer voll mit Warnungen, man solle das nicht tun?
Felix Wagner: Wie schon erwähnt, sind die meisten Beschenkten Kinder und Jugendliche. Beim Thema Nachwuchs – sei es der eigene oder der von Haustieren – setzt bei vielen Eltern leider immer noch der Verstand aus. Kinder sollen Verantwortung lernen, indem sie Kaninchen oder Meerschweinchen versorgen, ohne dass sie kontrolliert oder auch richtig eingewiesen werden.

Was passiert mit den Tieren?
Felix Wagner: Tiere, die im Tierheim landen, werden veterinär-medizinisch versorgt und aufgepäppelt. Dann vermittelt man sie an einen passenden, ihren Bedürfnissen angepassten Platz. Dazu werden intensive Gespräche geführt, zum einen, um den Kenntnisstand von Interessenten einschätzen zu können, zum anderen, um möglichst viele nützliche Informationen zur Haltung, aber auch zum individuellen Tier weiterzugeben. Außerdem besteht immer die Möglichkeit, Rat bei uns einzuholen oder das Tier gegebenenfalls zurückzubringen. Was die verschenkten Tiere angeht, die nicht bei uns aufschlagen, sieht ihr Lebensweg sehr verschieden aus. Es gibt nämlich auch reichlich Menschen, die Weihnachten lediglich als Vorwand nehmen, um lang wohlüberlegte Anschaffungen von Tieren zu tätigen, oft mit fachkundiger Beratung zum Teil sogar aus Tierheimen. Während deren Lebensweg oft recht rosig verläuft, kann es den »ungeliebten Geschenken« schlecht ergehen. Für einen kleinen Teil der »Geschenke« endet Weihnachten im Endeffekt tödlich. Von diesen sterben viele an den Haltungsbedingungen oder durch Folgeschäden, die nicht behandelt werden – klassisches Beispiel: Zahnfehlstellungen durch falsche Ernährung bei Kaninchen.
 
 

Interview Dieter Reisner

26.01.2012 - aktualisiert: 26.01.2012 09:56 Uhr

 

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