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"Waren auch als Zuhörer gefordert"

Dr. Bernd Domres (l.) in Pakistan.
Foto: humedica

26. August 2010
 

Tagelanger Monsunregen löste in Pakistan eine Jahrhundertflut aus. Seither sind tausende Menschen auf der Flucht vor dem Wasser ­- viele haben all ihr Hab und Gut verloren. Durch Verletzungen und Krankheitserreger stehen nun Gesundheit und Leben auf dem Spiel. Dr. Bernd Domres aus Tübingen, Präsident der Stiftung des deutschen Instituts für Katastrophenmedizin, war bis Mitte vergangener Woche mit einem Ärzte-Team vor Ort.
 

»Pakistan ist im Moment ist eine riesige Seenlandschaft«, verdeutlicht der Mediziner im Gespräch. Ein Fünftel des Landes steht unter Wasser. 20 Millionen Menschen sind von den Fluten betroffen. Die meisten wurden in der Nacht von den Wassermassen überrascht. Sie haben ihren gesamten Besitz verloren, haben nur noch das, was sie am Leib tragen. Viele vermissen Angehörige.

»Um sich vor dem Wasser in Sicherheit zu bringen, sind viele auf den Peshawar Motorway geflüchtet«, berichtet Domres. Die etwas erhöht gelegene, mehrspurige Autobahn sei in eine Auffangstation verwandelt worden, sagt der Mediziner. Die Menschen lebten nun provisorisch in Zelten und unter Planen. Dort sind sie zwar vor dem Wasser sicher, doch nicht vor der schleichenden Gefahr, die eine Katastrophe in diesem Ausmaß mit sich bringt: Die Ansteckungsgefahr an Krankheiten und Seuchen erhöht sich, wenn viele Menschen auf engstem Raum zusammen leben ­ gerade unter den hygienischen Bedingungen, wie sie derzeit in dem betroffenen Gebiet herrschen.

»Es gibt schlichtweg keine sanitären Anlagen, die Notdurft wird einfach irgendwo verrichtet«, verdeutlicht Domres. Und wer dann bei den hohen Temperaturen, wie sie in den Zelten herrschen, schlimmen Durst leidet, lässt sich schon mal dazu hinreißen, aus Pfützen oder anderen verunreinigten Wasserquellen zu trinken ­ der Brutstätte für gefährliche Keime und Bakterien.

Wichtig sei deshalb, so Domres, vor allem für sauberes Wasser und Nahrung zu sorgen. Derzeit bekämen die Menschen in den Auffanglagern eine Reismahlzeit am Tag. Aber auch das Errichten neuer Häuser und Unterkünfte habe Priorität, sobald das Wasser zurück gegangen ist, Schlamm und Schutt beseitigt sind.

Domres war zusammen mit Dr. Rashid el Badi, ein Arzt aus dem Oman, der zur Zeit für einige Jahre in Tübingen arbeitet, und dem Medizinstudenten Ferdinand Hofer nach Rajjar, einem kleinen Ort bei Charsadda, 40 Kilometer östlich von Peschawar, im gereist. Die Hilfsorganisation »Humedica« und die Stiftung des deutschen Instituts für Katastrophenmedizin Tübingen machten die Mission möglich.

Im Gepäck hatten die Ärzte Medikamenten-Kits, die zwei Wochen lang für rund 3 000 Menschen ausreichen. Ihren Behandlungsraum richteten sie sich in einem Klassenzimmer der örtlichen Schule ein. Dort waren sie für einen Lager-Abschnitt zuständig, der rund 3 500 Menschen umfasst. Die Patienten klagten vor allem über Mittelohr- und Lungenentzündungen, Bronchitis, Durchfall und Hauterkrankungen. Doch zu den körperlichen kamen auch psychische Leiden. »Die Menschen haben uns natürlich ihre Geschichten erzählt«, sagt Domres, »da waren wir auch als Zuhörer gefordert«.

Der Einsatz in Pakistan war für die Mediziner nicht ungefährlich. Im Nachbarland Afghanistan sind Hilfsorganisatonen schon Opfer gezielter Angriffe geworden ­ und auch in Pakistan gewinnt die Taliban immer mehr an Einfluss. Doch die Mediziner wussten, worauf sie sich einließen. Bereits im Vorjahr waren sie dort, um zu überprüfen, ob örtliche Krankenhäuser für Notfälle gerüstet sind ­ nicht wissend, wie bald sie einer realen Katastrophensituation ins Auge sehen mussten. »

Sicherheit ist ganz wichtig«, verdeutlicht Domres. So waren die Tübinger Ärzte niemals ohne einen pakistanischen Führer unterwegs. Auf diplomatische Kennzeichen verzichteten sie, ebenso wie auf ihre »Humedica«­Einsatzwesten. Autofahrten waren nur mit Polizei-Eskorte möglich. Auf dem Beifahrersitz nahm dabei der Kollege aus dem Oman Platz, der weniger westlich als die beiden anderen Ärzte aussieht. Auch das Schulgebäude, in dem sie tagtäglich ihrer Arbeit nachgingen, bot ihnen Schutz: Umgeben von einer hohen Mauer, wurde sie zusätzlich von bewaffneten Sicherheitskräften bewacht.

Doch gefährliche Situationen blieben trotzdem nicht aus. Am 14. August, dem pakistanischen Unabhängigkeitstag, wurde auf dem Motorway ein Pickup-Truck, beladen mit 200 Kilogramm Sprengstoff, entdeckt. Am selben Tag wurden zwei Jugendliche auf einem Motorrad erschossen, weil sie, wohl aus Übermut, an einer Kontrollstation nicht angehalten hatten, berichtet der Arzt. Doch nicht nur Terrorismus und dessen Bekämpfung bot Gewaltpotenzial. »Auch bei der Verteilung von Hilfsgütern kann es schnell zu Schlägereien und gefährlichen Situationen kommen«, berichtet Domres.

Trotz der Umstände hält Domres, der auch schon nach der Erdbeben Katastrophe in Haiti war, den Einsatz von Hilfsorganisationen vor Ort für überlebenswichtig. Die Menschen selbst seien den Ärzten aus dem Westen überaus freundlich begegnet. Die Paschtunen, berichtet der Mediziner, glauben, dass sie mit den Deutschen historisch verbunden sind. »Als Deutsche hatten wir einen sehr hohen Bonus«, erzählt Domres. Schon bald entstand ein freundschaftliches Verhältnis zu den Erwachsenen in der Schule. »Am Ende mussten wir versprechen, wieder zu kommen«.

Einige Organisationen haben Spendenkonten eingerichtet. Unter anderem »Humedica«, Kto. 47 47, BLZ 734 500 00, Sparkasse Kaufbeuren, oder die Stiftung des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin Tübingen, Kto. 48 48, BLZ 601 205 00, Bank für Sozialwirtschaft Stuttgart.
 
 

-ph

26.08.2010 - aktualisiert: 26.08.2010 10:06 Uhr

 

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