26. August 2010
Dicke Luft. Da hat sich die CDU mit ihrer Kandidatenkür aus eigener Dusseligkeit in eine unangenehme Lage gebracht. Mit solchen zweifelhaften Wahlen hat sie hier in der Region ja Erfahrung: 1979 obsiegte Tübingens Karl Schweizerhof gegen den amtierenden MdL Gerd Weng, nach Anfechtung und Wahlwiederholung gewann der Staatssekretär knapp. 1987 servierte der Burladinger Newcomer Paul-Stefan Mauz den Favoriten Theo Götz mit Hilfe von flugs eingetretenen Neu-Mitgliedern handstreichartig ab. Und nun erkor die Kreis-CDU den Baisinger Ortsvorsteher, Rottenburger Gemeinderat und Regierungsdirektor Horst Schuh in Bühl zum Kandidaten für die Landtagswahl. Er setzte sich bei einer chaotischen Mitgliederversammlung in der überfüllten Bühl Schlosshalle am 22. Juli im dritten Wahlgang knapp gegen die Tübinger Notärztin Lisa Federle durch. Wegen zahlreicher Unregelmäßigkeiten und Pannen fochten 13 CDU-ler die Wahl an.
Ungewisse Aussichten. Der Kreisvorsitzende, Rottenburgs Ex-OB Klaus Tappeser, will die Wahl nun ohne langwieriges Parteiverfahren wiederholen lassen. Die dilettantische Organisation ist die eine, die politische Hauen und Stechen die andere Seite der Geschichte. Da ist offenbar eine Menge hin und her intrigiert und auch taktiert worden. Überraschend war aber doch, wie sehr die Rottenburger Christdemokraten das Mandat als einen gegen »die Tübinger« zu verteidigenden Erbhof zu betrachten scheinen. Die unterlegene Kandidatin Lisa Federle lässt verständlicherweise bislang offen, ob sie noch einmal gegen Horst Schuh antritt. Das wird sicher auch davon abhängen, ob weitere Kandidaten einen sauberen Zweikampf verhindern würden. Grob vereinfacht steht die Stimmenkönigin der Kommunalwahlen, ein Neu-Mitglied feilich, für eine modernere »städtische«, ihr Konkurrent für die traditionellere, eher »ländliche« CDU. Die Regierungspartei von Stefan Mappus wird es bei der Landtagswahl schwerer haben als bislang erwartet: Stuttgart 21, aber auch die Atompolitik lassen die christdemokratische Stammklientel wie auch viele ökologisch orientierten Wertkonservative an ihrer CDU zweifeln. Ein »Besenstil«-Wahlkreis ist gerade Tübingen jedenfalls längst nicht mehr.
Kunstsprache. Die Anhänger der Kunstsprache Ido sind zwar weltweit nur ein Häuflein, das nach Hunderten zählt. Aber es war schon eine Ehre für die Stadt des Weltgeistes, dass sie ihre Konferenz am Wochenende in Tübingen abhielten. Ido hat der Franzose Louis de Beaufort von 1907 an aus dem Esperanto weiterentwickelt durch weitere Vereinfachungen und Systematisierungen. Esperanto seinerseits geht auf den jüdischen Polen Ludwik Zamenhof zurück, einen Augenarzt und Philologen, der seine Ideen 1887 veröffentlichte. Esperanto hat zwar gegenüber dem Ido ein Vielfaches an aktiven Sprechern und Verfechtern. Es hat sich aber auch nie richtig als internationale Sprache etablieren können. Dasselbe gilt für das noch ältere Volapük, das der katholische Pfarrer Johann Schleyer aus Oberlauda erfunden hat. Der einzig gelungene Versuch, einer Kunstsprache zum Durchbruch zu verhelfen, ist wohl das neuhebräische Ivrit, das sich in Israel als erste Umgangssprache eingebürgert hat. Auch die »tote« Weltsprache Latein, ähnlich wie beim Ivrit durch Wort-Neuschöpfungen für moderne Dinge und modernes Leben ergänzt, sollen in Tübingen ein paar Liebhaber-Gruppen regelmäßig sprechen, bei Konversationsabenden.