26. August 2010
Die Bilder, sagt Google, sind alle längst im Kasten, auch die von Tübingen. Das Google-Auto mit Stativ und Kamera auf dem Dach, soll schon im Jahr 2008 durch die Straßen gefahren sein. Was bei den Touren in diesem Frühsommer noch anfiel, waren bloß Nachbesserungen.
„Google Streetview“ heißt das in Deutschland umstrittene Angebot, mit dem der Suchmaschinen-Gigant aus Mount View in Kalifornien sich nun auch mitten im Leben, sozusagen mit beiden Beinen auf der Erde umschaut. Bisher hat er uns nur per Satellit aufs Haupt und in die Hinterhöfe gespickelt. Die Ansichten von „Google Earth“ hatten allerdings teils schon indiskret gute Qualität. Da kann man mühelos das eigene Auto erkennen, auch das Planschbecken oder den Pool im Garten.
Anderswo gibt es „Streetview“ schon. Aus Frankreich, England oder auch der eigentlich eher eigenen Schweiz sind keine Widerstände bekannt geworden. Auch aus Holland nicht. Aber da kennen sie ja bekanntlich nicht einmal Vorhänge. Sucht man ein Ferien-Appartement in der Ewigen Stadt, lässt sich auch die römische Umgebung in die Wahl mit einbeziehen. Da empfindet man die Angebote des Internets als Segen. Aber will man das selber? Auch im kleinen, schwäbisch privaten Tübingen?
Die Stadt ist erst in einem zweiten Schwung dran. Gegen den für dieses Jahr geplanten ersten mit den 20 größten Städten leistet in Berlin nicht nur eine bayerische Verbraucherministerin namens Ilse Aigner (CSU) tapferen Widerstand. Sie hat, unterstützt von vielen Datenschutzbeauftragten, der Weltmacht Google immerhin ein Widerspruchsrecht abgetrotzt: Man kann sein Haus unkenntlich machen lassen.
Doch diese Privatleute-Haltung „Das geht niemanden was an“ trifft den gefährlichen Punkt eigentlich gar nicht. Viel bedeutsamer, für den Einzelnen folgenreicher ist zum Beispiel so etwas: Der Personalchef einer Firma schaut sich mal um, wo die Bewerber denn so wohnen – und rümpft womöglich die Nase, wenn er sich mal das Hochhaus im Weißdornweg auf WHO, triste Reihenhäuser im Wennfelder Garten, den sozialen Brennpunkt Belsen in Mössingen oder die wenig attraktiven Wohnkasernen in Rottenburger Kreuzerfeld näher ran-googelt.
Auch dem kleinen aufstrebenden Unternehmer wird sein ehrgeizig forsches Angebot nicht mehr so viel nützen, wenn der Auftraggeber der Klitsche im heruntergekommenen Gewerbegebiet ansichtig wird. Manches Hotel wird sich seiner schäbigen Nachbarschaft schämen müssen.
Neben all den wunderbaren Möglichkeiten des weltweiten Netzes ist der Datenschutz merkwürdig uninteressant geworden. Dabei erscheinen die Ängste heute lächerlich und harmlos, deretwegen sich in den 80er-Jahren heftiger Protest und ein Volkszählungsboykott regten. Denn Google ist nicht der einzige Große Bruder, der einen zusehends genauer beobachtet. Ortung per Handy ist bald kein Ausnahmefall für die Kripo mehr, sondern wird üblich – etwa für „besorgte“ Eltern, Ehegatten, Partner.
Längst warnt man junge Leute völlig zu Recht davor, etwa auf Facebook oder anderen Communities sorglos Privates mitzuteilen und einzustellen, das einem mal peinlich werden und von Personalern, Fahndern oder Partnern ruckzuck recherchiert werden könnte: irgendwelche Party-Exzesse, dumme Späße oder andere Kindereien. Denn das bleibt. Auf immer und ewig, so wie es aussieht.
Schon hat der Deutschland-Chef von Google geweissagt, man müsse künftig von staatswegen Namensänderungen erleichtern – damit man im Zweifelsfall den Dreck wieder los wird, der sich im Internet über einen angesammelt hat. Ob aus jugendlichem Überschwang, aus Dummheit oder unfreiwillig.
Schöne neue Welt!