19. August 2010
Der Weg zum Erwachsenwerden ist oft gepflastert mit schweren Krisen. Jugendliche, die alleine keinen Ausweg finden, sich einsam fühlen oder auch nur ein offenes Ohr suchen, können sich seit rund sieben Jahren an die Youth-Life-Line wenden und dort mit Gleichaltrigen ihre Probleme diskutieren anonym, per E-Mail. Jetzt wurde die Initiative vom Land im Rahmen des Wettbewerbs »Kommunale Bürgeraktionen« ausgezeichnet.
Mina, so nennt sich die Zwölftklässlerin in ihren Beratungs-E-Mails, engagiert sich gerne. Von einer Freundin ist sie vor über einem Jahr auf die Youth-Life-Line aufmerksam gemacht worden. Nach einem Schnuppertag, entschied sie sich dafür, mitzumachen.
»Jugendliche helfen Jugendlichen in Krisen«, lautet das Idee, die hinter der Initiative steckt. »Jugendliche möchten sich in erster Linie mit Gleichaltrigen über ihre Probleme unterhalten«, erklärt Daniela Becker. Die Diplom-Pädagogin ist eine der beiden hauptamtlich Tätigen innerhalb des Projekts.
Um sogenannte Peer-Beraterin zu werden, absolvierte Mina eine umfassende Ausbildung. »Da haben wir einiges über Krisen gelernt und über Grenzen gesprochen«, erklärt die Schülerin. Seither kümmert sie sich regelmäßig, mehrere Stunden pro Woche, um die Probleme ihrer Klienten. Mittlerweile hat sie schon einige feste Kontakte - Jugendliche, die regelmäßig schreiben. Bei ihrer Arbeit geht es jedoch gar nicht so sehr darum, einen Rat zu erteilen. »Wir wollen gemeinsam mit dem Betroffenen herausfinden, was er tun kann, damit es ihm besser geht, nicht nur gute Tipps geben«, verdeutlicht Mina.
Entstanden ist die Idee der anonymen Online-Beratung von Jugendlichen für Jugendliche aus dem Arbeitskreis Leben (AKL). Denn Selbstmord ist eines der häufigsten Themen, die in den E-Mails besprochen werden. »In über der Hälfte der Fälle geht es um Suizid«, erklärt Daniela Becker. Der andere Teil besteht aus einer vielfältigen Palette - »von Liebeskummer über Schwierigkeiten in der Schule und ‘ich hab mich mit meinen Eltern gestritten‘ bis hin zu Essstörung und Selbstverletzung ist alles dabei«, beschreibt Mina.
Sie selbst kommt mit der Belastung, die durch die E-Mails entstehen kann, gut zurecht. »Ich lasse das hier«, sagt die 18-Jährige und meint die mit einer Vielzahl an Computern und gemütlichen Polstergarnituren eingerichteten Räume der Beratungsstelle. Am Anfang sei es ihr manchmal schwerer gefallen, »ich konnte nicht begreifen, dass manche Jugendliche sich so hängen lassen können«, erzählt sie. »Aber damit kommt man nach einer Weile klar«. Und auch damit, die Probleme anderer nicht zu dicht an sich selbst heran zu lassen.
Unterstützung erfahren die Peer-Berater dabei von den hauptamtlich Tätigen - gerade auch in der Aufarbeitung. »Wir fragen jedesmal nach, wie es den Beratern selbst damit geht«, erklärt Daniela Becker. Doch nicht nur das. Sie und ihre Kollegin nehmen den Jugendlichen auch die Verantwortung ab. »Wir lesen jede Mail, bevor sie raus geschickt wird und besprechen das nochmal, wenn nötig«, so die Betreuerin.
Die Youth-Life-Line wird finanziell zu 60 Prozent von den Landkreisen Reutlingen und Tübingen getragen. Die restlichen 40 Prozent müssen mit Spenden aufgebracht werden. Rund 2 700 Hilfesuchenden haben in den sieben Jahren des Bestehens das Beratungs-Angebot angenommen.
Neue Kurse
Wer Peer-BeraterIn werden möchte, muss mindestens 15 Jahre alt sein, Interesse, Offenheit und Akzeptanz sowie die Bereitschaft, sich mindestens zwei Jahre lang einmal pro Woche einige Stunden zu engagieren mitbringen. Der Tätigkeit geht eine 70-stündige Ausbildung voraus, der nächste Kurs startet im November. Ein hoher Auswand doch die Engagierten werden dafür vielfach entschädigt. »Man merkt, dass es was bringt«, sagt Mina.
Weitere Infos
www.youth-life-line.de