19. August 2010
Stuttgart 21 und wir. Richtig direkt betroffen ist der Kreis Tübingen einstweilen nicht von Stuttgart 21, dem zusehends heftig umstrittenen Milliardenprojekt von Bund, Land, Landeshauptstadt und Bahn. Aber schon durch Boris Palmer, den einst prominentesten Gegner und Stuttgarter OB-Kandidaten, rückt uns die Sache immer wieder nahe. Jetzt hat Tübingens OB einen »Friedensgipfel« angeregt, verbunden mit einem Baustopp, den er Moratorium nennt. Wo sich die Stimmung der vielen auch älteren, auch bürgerlichen S 21-Gegner vor dem unmittelbar bevorstehenden Abriss des Bahnhofs-Nordflügel explosiv zuzuspitzen scheint, ist der Wortmeldung Palmers höchste Aufmerksamkeit aller Medien gewiss, sogar überregional. Dabei hatte Tübingens OB ja eigentlich gerade erst seinen Stuttgarter Rathaus Ambitionen abgeschworen.
Starschicksal. Im Prinzip hat der Oberbürgermeister vollkommen Recht, wenn er ein öffentliches Interesse an seiner bevorstehenden Hochzeit mit der grünen Europa-Abgeordneten Franziska Brandtner, der Mutter seiner Tochter, abstreitet. Im Prinzip. Aber Boris Palmer verschließt damit die Augen vor der Wirklichkeit. Er genießt seine politische Jungstar-Rolle und hat nie abgestritten, dass mancherlei publikumswirksame Aktionen vom potthässlichen blauen Anzug über den Dienstwagen bis zum Fahrrad oder auch zur Elternteilzeit der Sache, seiner Sache, also etwa dem Klimaschutz dienen sollten. Mit der Kehrseite muss er dann einfach leben und ein Gleichgewicht finden. Die »Bild«-Zeitung hat das Hochzeitsfest am Samstag auf dem Bodensee und der Blumeninsel Mainau publik gemacht. Wir wollen die Details, wie erbeten, Privatsache sein lassen und uns auf die besten Wünsche für den gemeinsamen Lebensweg beschränken. Andere werden es dabei gewiss nicht belassen.
Sparpotential. Schon ist längst wieder vergessen, weshalb das Jugendstil-Haus am unteren Ende der Mühlstraßen-Mauer eigentlich abgerissen wurde und jetzt an dieser Stelle eine eher hässliche Lücke klafft, die gewiss nicht ganz zu Unrecht den Spitznamen »Palmer-Loch« trägt. Mehr Luft und Licht und Platz für die Aufwertung der Straßenschlucht (und dazu verbesserte Hangstabilität) hießen da doch die Gründe. Am meisten Luft und Licht brachte aber wohl die Ausforstung der Botanik auf der Mauerkrone. Die kostete vergleichsweise fast nichts. Nun soll von den Zuschüssen aus Stuttgart in ddie klaffende Wunde dieser schmucker Treppenaufgang gebaut werden, den niemand, wirklich niemand braucht. »‘s isch ja zahlt«, sagt der Schwabe achselzuckend. Von anderen, ja. Aber doch auch wieder von uns. Eben rechte Tasche linke Tasche. Geht‘s denn nicht auch anders?