19. August 2010
Es stimmt tatsächlich. Auf dem Tübinger Rathaus hat man Schwierigkeiten mit dem Rechnen, offenbar schon mit den Grundrechenarten. Bürgermeister Michael Lucke hat das eingeräumt: Bei den im Juli vorgestellten Schließungs-Plänen für das Ki-Dojo, jenes Kampfsport-Zentrum mit eingebauter Sozialarbeit im Loretto-Viertel, hat die Stadtverwaltung im Saldo die Mieteinnahmen abzuziehen vergessen.
In der Aufrechnung von Betriebskosten und Mieteinnahmen macht die Stadt sogar ein Plus wenn auch nur ein kleines, von 480 Euro pro Jahr. An sich ist diese peinliche Kalkulation schon blamabel genug. Aber es ist noch nicht alles.
Der inmitten der schicken neuen Architektur absichtlich erhalten gebliebene Militär-Altbau bietet seit 1992 nicht nur rund 600 Mitgliedern von 25 (Kampf-) Sportgruppen ein Dach über dem Kopf und Trainingsraum, und ist auch nicht nur Keimzelle und Zentrum der körper-orientierten Sozialarbeit von Willi Niethammer. Es beherbergt dazu noch eine Hebammenpraxis sowie die Proben- und Trainingsräume für den Kinder- und Jugendzirkus Zambaioni.
Das ganze Haus ist ein Ort, wie er jeder lebendigen, kinder- und familienfreundlichen Stadt zur Zierde und Ehre gereichen würde. Dass der Verzicht auf vorbeugende Sozialarbeit die Kosten für die Gesellschaft nur in die Höhe treibt, hat sich längst herumgesprochen. Sinn und Qualität der Arbeit des Sozialpädagogen wird eigentlich auch nirgendwo in Zweifel gezogen.
Das angedrohte Ende des Projekts hat mittlerweile einen Proteststurm zunächst der vielen Betroffenen entfacht, wie man ihn nicht gerade oft erlebt. Nun nehmen aber die Stadtoberen aus zwei Gründen nicht klipp und klar Abstand von ihren verantwortungslosen Schließungsplänen, nachdem das Forum der Ki-Dojo-Aktiven ihnen schon ihre mangelhaften Rechenkünste unter die Nasen gerieben hat.
Zum einen geht es um die mit 61 000 Euro angesetzten Personalkosten für Niethammers Stelle. Weil Sozialarbeit eigentlich Sache des Landkreises ist, will sich die Stadt in Zeiten kommunale Not da einfach schnellstmöglich davonstehlen. Das ist dieses egoistisch kurzsichtige Staatsverständnis Rechte Tasche - Linke Tasche (siehe auch das »Schimpfeck«).
Zum anderen fürchtet das Rathaus die Kosten für eine anstehende Sanierung der Bausubstanz. Sie werden auf etwa 250 000 Euro beziffert. Das ist im Vergleich nicht viel, zumal die Nutzer schon jetzt viel Eigenarbeit einbringen und sich zu weiterem Engagement bereit erklärt haben. Aber davon abgesehen sind Pflege und Erhalt der städtischen Gebäude (und Straßen) einfach Pflichtaufgabe.
Natürlich sind Kürzungen der städtischen Aufgaben gegenwärtig unvermeidlich und müssen mehr oder minder schmerzhaft sein. Natürlich werden in der Mediengesellschaft diejenigen am ehesten bei solchen Einschnitten geschont, die am lautesten schreien.
Aber hier schreien sie völlig zu Recht. Unabhängig vom Rechnen ist das die geradezu dümmstmögliche Stelle zum Sparen. Die Stadtspitze täte gut daran, sich eindeutig zu einer wenigstens weitestgehenden Fortführung des gesamten Projekts zu bekennen. Der Rechen-Peinlichkeit folgte sonst eine weitere Schande.
Die Ki-Dojo- Nutzer werden hoffentlich weiterkämpfen. Im November berät der Gemeinderat über dieses und über andere Sparthemen.
Dem Schreiber dieses Tüpisch kann ich nur auf ganzer Breite zustimmen. Andere Städte würden solch ein Projekt marketingmäßig in die erste Reihe stellen, in Tübingen wurde es jahrelang stiefmütterlich behandelt und im Rahmen der Sparpläne hätte man es wohl am liebsten per Rechenfehler "entsorgt". Ich frage mich, welche Geschichte dahinter steckt, warum das Ki-Dojo über die Jahre an Lobby bei der Stadt verloren hat, obwohl es in seiner Entwicklung viele beispielhalfte Impulse gegeben hat und von vielen Menschen als bereichernd erlebt wird.