12. August 2010
Langsam nimmt das Gebäudeensemble rund ums Bischöfliche Palais Gestalt an. Generalvikar Clemens Stroppel lud kürzlich zusammen mit Architekt Arno Lederer vom Stuttgarter Architekturbüro Lederer, Ragnarsdóttir, Oei zum Rundgang. Im Gepäck hatten sie neben der Zwischenbilanz der Bauarbeiten, eine überraschende Neuigkeit.
Die Neubauten bekommen eine Fassade aus neuen und wiederverwerteten Klinkern, berichteten Kirchenmann und Architekt. Durch die Backsteine in unterschiedlichen Farben - 20 bis 25 Prozent davon Alt-Ziegel -, überbreite Fugen und Holzfenster soll sich das neue Gebäude in den Bestand der Altstadt integrieren, ohne die historische Bebauung zu imitieren. Es werde, so Architekt Arno Lederer, »nichts eklatant Neues, aber auch nicht retro«.
Doch die Entscheidung für die Klinkerfassade ist auch der Nachhaltigkeit geschuldet. Hinter den gebrannten Steinen verbergen sich eine Betonfassade und zwei Schichten zur Isolation. So könne das Gebäude über 100 Jahre alt werden, verdeutlichte der Architekt weiter, ohne dass die Bauherren Dämmmaterial erneuern müssten. Auch die Energiebilanz falle zu Gunsten der Klinker aus, vor allem im Vergleich zu einer herkömmlichen Putz- und Glasfassade.
Im Moment ist nur mit viel Fantasie zu erkennen, welche Dimensionen der Komplex einmal einnehmen soll. Neben der Sanierung der historischen Gebäude Bischöfliches Palais und des Rohrhalder Hof, sind drei zusammenhängende Neubauten geplant, die das Areal vervollständigen und genügend Platz für die Zusammenlegung der Kurie bieten sollen.
Das Herz des neuen Gebäudeensembles ist die mehrstöckige Eingangshalle, deren Erdgeschoss allein dem Empfang und einer großzügigen Halle vorbehalten ist. Diese soll einmal auch für Veranstaltungen genutzt werden. Über dem repräsentativen Foyer erhebt sich über drei Stockwerke ein von halbrunden Balkonen gesäumtes Atrium.
Im Bereich hinter dem Palais parallel zum Burggraben erschließt sich, ähnlich wie der Querbalken eines großen ‘T‘s, das 100 Meter lange Bürogebäude. Alles in allem bietet der Neubau Platz für rund 120 Quadratmeter Bürofläche, Besprechungs- und Lagerräume.
Der dritte Teil - ein hoher Betonriegel entlang der Oberen Gasse - ist bereits durch den Bauzaun hindurch zu erkennen. Der stattliche Neubau grenzt das Bischöfliche Palais von der Straße ab und schafft auf zwei Stockwerken unter und über der Erde Platz für das Diözesanarchiv, Bibliothek und Lesesaal. Dazwischen soll ein begrünter Innenhof entstehen.
Die beiden bestehenden Gebäude das Bischöfliche Palais und der Rohrhalder Hof werden dazu von Grund auf saniert. Dabei spielt ebenfalls die Nachhaltigkeit eine Rolle. Beispielsweise wird künftig ökologisch korrekt mit einem pelletsbetriebenen Blockheizkraftwerk geheizt, durch Wärmeumwandlung gekühlt und mit Regenwasser die Toilettenspülung gespeist. Eine zusätzliche Wärmedämmung sei mit Ausnahme der Fenster und des Dachs nicht nötig gewesen, die rund einen Meter dicken Mauern reichten völlig aus, sagte Stroppel.
Sowohl zeitlich als auch finanziell liege das Projekt voll im Plan, erklärte Dietmar Krauß, Finanzdirektor der Diözese. Durch langfristige Planung und entsprechende Rückstellungen seien die Kosten in Höhe von rund 36 Millionen Euro voll abgedeckt Einschränkungen, beispielsweise im seelsorgerlichen oder sozialen Bereich, seien deshalb nicht nötig.
Kontrovers diskutiert
Das Vorhaben von Bauherr und Architekt, das 2013 fertig gestellt werden soll, spaltet die Rottenburger Bürgerschaft. Während die einen gespannt sind, ist für die anderen eine derart massive Bebauung ein weniger gelungener Eingriff ins Stadtbild. Dabei kann sich das gigantische Bauprojekt durchaus auf historische Wurzeln berufen, wie die Beteiligten herausgefunden haben. An der Stelle, an der einmal das neue Archiv seinen Platz bekommen soll, stand demnach bereits zu Zeiten des ehemaligen Jesuitenkollegs eine hohe Mauer.
Und auch das neue, zentrale Eingangsgebäude werde ähnliche Dimensionen haben, wie die Collegiumskirche St. Joseph, die vorher zwischen Rohrhalder Hof und Palais stand. Die Planer greifen also historische Strukturen auf, um die bauliche Harmonie herzustellen. »Irgendwer hatte sich da schonmal was überlegt«, so der Architekt. Der Ort gebe Zeugnis einer über siebentausendjährigen Siedlungsgeschichte daran weiter zu bauen sei für Generalvikar Stroppel »ein erhebendes Gefühl«.
Der näheren Historie Tribut zollen die Planer an einer ganz besonderen Stelle: Der Eingang des Palais zur Königstraße hin soll mit den erhaltenen original-Elementen zum Bischof-Sproll-Portal werden. An dieser Stelle hatten 1938 die Nazis versucht, das Gebäude zu stürmen. Sie soll künftig an den Bekennerbischof erinnern.