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Wir und unser Wasser

Reichlich Flüssigkeit tut dem Körper nicht nur im Sommer gut.
Foto: IDM

12. August 2010
 

Neulich auf einer kleinen Radtour durch den Rammert. Der Wald dampft nach einem kurzen Schauer. Und da, fast am Ende eines Anstiegs: ein Brünnlein! Die Rinne ergießt sich in einen sorgsam ausgehöhlten mächtigen Stamm. Hätte man nichts dabei, man würde sich natürlich erfrischen wollen.
 

Auch das Idll wäre perfekt, sogar als Foto, prangte da nicht in riesigen weißen Lettern auf schwarzem Grund die Warnung: Kein Trinkwasser! Es wird wohl irgendeine Verordnung geben, die derart Überflüssiges vorschreibt; wahrscheinlich zum Haftungsausschluss, wenn sich ein dürstender Wanderer doch mal am frischen Quell gütlich tun, sich dabei die Pest holen und hernach bis zum Bundesgerichtshof auf Schadensersatz klagen würde.

Die Wahrscheinlichkeit ist aber eher gering, zumal da mitten im Wald kaum koli-bakterien-trächtige Dungfelder den Brunnen vergiften. So nimmt man statt des frischen Waldeswassers halt das Mineralwasser aus der Flasche, das garantiert keimfrei ist und unbedenklich. Und Mineralwasser ist ein Symbol für Wellness, Gesundheit und Lifestyle. Doch irgendwie sind die Leute auch ein wenig affig, die ­ wo sie gehen, stehen oder sitzen ­- stets ihr Wasserfläschchen griffbereit haben. Denn der Gesundheitsfaktor jeglicher Mineralwässer wird zumindest maßlos überschätzt. Wahrscheinlich ist der Glaube daran sogar völliger Unfug, so ähnlich wie der grassierende Vitamin-Wahn auch. Das bisschen an Mineralien kommt durch eine halbwegs ausgewogene Ernährung allemal vielfach herein.

Selbst die segensreiche Wirkung von sündhaft teuren Heilwässern (viele kosten da bald mehr als Milch oder Saft) ist völlig unbewiesene Glaubenssache. Aber da reichlich Flüssigkeit an sich dem Körper nicht nur sommers guttut, kann das teure Zeugs wenigstens nicht schaden wie etwa ein vergifteter Brunnen. Und wem es einfach schmeckt wie kein anderes, der möge sich sein Lieblingswasser als Genuss eben leisten.

Andererseits würde ein erheblicher Teil dieser oft von weither beigekarrten Modewässer die strengen Vorgaben der Trinkwasserverordnung nicht unbeanstandet überstehen (was zugegebenermaßen freilich auch mit dem Schutz der Leitungen Fortsetzung von Seite 1
zu tun hat, manchmal aber auch mit Schwefel oder mit natürlichen radioaktiven Substanzen).
Das Tübinger Leitungswasser kommt übrigens überwiegend aus Bodenseetiefen. Ihm wird im Mischbehälter auf dem Sand Wasser aus dem Gehrnfeldbrunnen im Neckartal südlich von Hirschau beigefügt. Das Wasser hat mittlere Härte, also Kalkgehalt, also Calcium. Kennern gilt es als sehr schmackhaft.

Eine Zeitlang waren ja auch so Sprudelgeräte in Mode, die das lästige Kästenschleppen ersparen und trotzdem stets bitzelndes Wasser bereitstellen sollten. Aber das machte natürlich lange nicht soviel her wie all die Perriers, Volvics, San Pellegrinos oder Teinacher mit denen man Stil, Geschmack, Wohlstand und Gesundheitsbewusstsein vorführen kann.

Für das banale hiesige Leitungswasser gilt jedenfalls gewiss auch, was der Publizist und Spötter Johannes Gross mal sagte: »Mir ist immer unerfindlich geblieben, warum in einem Land, in dem so vorzügliches Trinkwasser aus den Leitungen kommt, die Leute allenthalben Pinot Grigio trinken.«
 
 

12.08.2010 - aktualisiert: 12.08.2010 10:36 Uhr

 

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