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Der Ölgigant soll boykottiert werden

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer hat zum Boykott des BP-Konzerns aufgerufen.
Foto: aral

24. Juni 2010
 

Tübingens Oberbürgermeister hat mal wieder sein ausgeprägtes Gespür für Medienwirkung gezeigt. Boris Palmer rief angesichts der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zu einem Boykott des BP-Konzerns auf.
 

Und mit diesem Appell landete er gemeinsam mit seinem grünen Parteifreund Winfried Hermann an prominenter Stelle beim meinungs-machenden Nachrichten-Magazin »Spiegel« unter der etwas schrägen Schlagzeile »Grünen-Politiker fordern BP-Boykott«. Fordern? Von wem?

Die Dimension des Ökodramas vor dem Mississippi-Delta ist vergleichsweise gigantisch. Schon jetzt könnte zehnmal mehr Erdöl freigesetzt worden sein als bei der Tanker-Katastrophe mit der 1989 vor Alaska havarierten »Exxon Valdez«. So genau weiß das keiner. Nur geht das nach der fatalen Explosion der Bohrinsel »Deepwater Horizon« am 20. April weiter und weiter.

BP ist ähnlich hilflos wie der amerikanische Präsident. Da wurde sogar schon über einen Atom-Sprengsatz zur Schließung des Lecks in 1500 Metern Meerstiefe nachgedacht... Aber ist so ein Boykott sinnvoll und zielführend? Ein ohnmächtiger Zorn spricht vielleicht dafür.

Wozu soll BP gezwungen werden? Sie werden wohl zahlen müssen und können das locker aus ihren Abermilliarden an Gewinnen. Sie werden auf fette Dividende-Zahlungen verzichten und ihre Führung auswechseln. An der Börse ist die Furcht vor einem irreparablen Imageschaden und dem Kollaps des Ölgiganten inzwischen verflogen, zumal er dann ja auch für Entschädigungen ausfiele. Der Kurs steigt wieder.

Shell ging damals in die Knie, als ein europaweiter Boykott die geplante Versenkung der Bohrinsel Brent Spar in der Nordsee verhindern sollte. Dies aber ist ein Unglück, das nur zufällig BP traf. Hochriskante Tiefseebohrungen nach Erdöl machen die Ölmultis alle. Die womöglich korrupten amerikanischen Behörden legten in diesem Fall die Sicherheitsstandards stets äußerst großzügig aus.

Wie Shell hat auch BP sein Image mit menschheits-freundlichen Wohltaten gepflegt: »Beyond Petroleum«, Jenseits des Erdöls, wollte es sein Logo interpretiert sehen und ist in Deutschland mit seinen Investitionen inzwischen Marktführer bei der Solarenergie wie auch der viertgrößte Fast-Food-Multi. Das Tübingen Uhland-Gymnasium bekam von BP einen Klimaschutzpreis von 20 000 Euro.

Seine Burger und belegten Brötchen verkauft BP in den Bistros der Aral-Kette, Tankstellen-Marktanteil rund 17 Prozent. Diese Marke samt dem Netz hat der Konzern 2002 von der Veba erworben und das eigene grüngelbe Tank-Label dafür nach und nach fast vollständig aufgegeben.

Der Golf von Mexiko ist weit weg. Der Zorn der Autofahrer mit Öko-Gewissen hier reicht wohl einstweilen noch nicht für einen Boykott von Aral, der spürbare Umsatzeinbußen mit sich brächte und damit Folgen hätte. Zumal das blaue Aral nie als grüngelbes BP wahrgenommen wurde. Schon mit den Tübinger Verbindungen von Stadt und Stadtwerken (die gemeinsam eingerichtete Erdgas-Zapfsäule an der Reutlinger Straße) ist Konsequenz da schwierig.

Boris Palmer hat für Tübingen bereits ein wenig zurückgerudert.
Greenpeace und der BUND halten sich einstweilen zurück mit Boykott-Forderungen. Aber der bundesweit wahrgenommene Aufruf des grünen Abgeordneten und des grünen Oberbürgermeisters kostet ja mal noch nichts. Und wenn er ­ was abzusehen ist ­ sang- und klanglos verhallt und versandet, ist der Image-Schaden nicht so groß.
 
 

24.06.2010 - aktualisiert: 24.06.2010 10:02 Uhr

 

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